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SHINING KUBRICK!
 

Jack Nicholson meinte einst: «Everyone pretty much acknowledges that he’s the man, and I still feel that underrates him.» Stanley Kubrick – Autodidakt, Perfektionist und Visionär – gilt als Mythos der Filmwelt. Gerade ein Dutzend Arbeiten hat er fürs Kino realisiert. Mit gut der Hälfte davon hat er Filmgeschichte geschrieben und Massstäbe in den unterschiedlichsten Genres gesetzt. In einer umfassenden Retrospektive zeigt das Stadtkino Basel elf seiner Meisterwerke von The Killing bis Eyes Wide Shut und ergänzt die grosse Werkschau um das an Steven Spielberg abgetretene Kubrick-Projekt A.I. Artificial Intelligence und die Dokumentation Stanley Kubrick – A Life in Pictures. Jan Harlan würdigt darin das Gesamtwerk des grossen Meisters und gewährt posthum private Einblicke in das Leben des öffentlichkeitsscheuen Regisseurs. Am 27. August ist der langjährige Mitarbeiter und Schwager von Stanley Kubrick persönlich im Stadtkino zu Gast. Die Retrospektive und damit auch die neue Saison eröffnet am 23. August Dr. Hansmartin Siegrist mit einem einführenden Videoreferat: Stanley Kubrick – Kopfkino wie von Sinnen.

 

Stanley Kubrick war bereits zu Lebzeiten ein Mythos. Er schien unüberbrückbare Gegensätze zu vereinen: Als Regisseur verweigerte er sich dem Publikum, der Presse und dem Starrummel konsequent und folgte ausschliesslich seinem künstlerischen Impuls, zugleich konnte er aber die Weltstars engagieren und tat dies alles mit dem Segen eines grossen Hollywood-Studios.
Wie bei vielen Mythen ist dies nur die halbe Wahrheit. So verstand sich Kubrick zweifellos als Künstler, wusste aber nur zu gut, dass man in Hollywood nur reüssiert, wenn am Ende die Kasse stimmt. Seine langen Dreharbeiten etwa konnte er sich leisten, weil er äusserst sparsam arbeitete. Nicole Kidman fühlte sich am Set von Eyes Wide Shut, der mit 400 Tagen als längster Dreh der Filmgeschichte gilt, an einen Studentenfilm erinnert – so klein war die Crew. Kubrick war sich auch nicht zu schade, die Kosten niedrig zu halten, indem er seine Mitarbeiter ziemlich bescheiden entlöhnte. Vor allem aber war ihm der Erfolg beim Publikum nie gleichgültig. Warner Bros. gewährte ihm grosse Freiheiten in der Gewissheit, dass jeder Kubrick-Film sein Geld am Ende einspielt.
Der grösste Irrtum ist aber wohl das Bild Kubricks als eines berechnenden Planers, vor dessen geistigem Auge der jeweilige Film längst fertige Gestalt angenommen hatte, die es in der Folge lediglich zu realisieren galt. Nichts könnte im Falle von Kubrick weiter von der Wirklichkeit entfernt sein. Seine Arbeitsweise war nicht die Annäherung an ein feststehendes Ideal. Vielmehr war er stets darum bemüht, sich möglichst hochwertige Optionen zu schaffen, aus denen er dann auswählen konnte.
Kubrick wollte immer noch bessere Lösungen finden – inhaltlich, ästhetisch und technisch. Der rätselhafte schwarze Monolith in 2001: A Space Odyssey beispielsweise war das Ergebnis einer langwierigen Suche. In den frühen Drehbuchfassungen und im parallel entstandenen Roman von Arthur C. Clarke wird das geheimnisvolle Objekt noch als eine Art überdimensionaler Fernseher beschrieben. Kubrick war das zu banal und so liess er immer neue Objekte bauen, bis am Ende die einfachste mögliche Form übrig blieb.
Salopp gesagt wusste Kubrick oft nicht, was er wollte, solange er es nicht vor sich sah; eine Arbeitsweise, die für seine Mitarbeiter äusserst anstrengend sein konnte. Kubrick trieb sie immer wieder dazu an, ihn mit neuen Ideen zu überraschen, anstatt ausgetretenen Pfaden zu folgen. Diese Herangehensweise konnte nicht nur zu episch langen Dreharbeiten führen, sondern auch zu filmtechnischen Durchbrüchen wie bei 2001, dessen Modellaufnahmen auch heute, im Zeitalter digitaler Effekte, kaum etwas von ihrer Überzeugungskraft eingebüsst haben. Oder bei Barry Lyndon, für dessen Aufnahmen bei Kerzenlicht ein für die NASA entwickeltes Spezialobjektiv zum Einsatz kam.
Kubrick war nicht nur der grosse Perfektionist der Filmgeschichte, er war vor allem ihr erfolgreichster Autodidakt. Das Filmemachen hatte er nie gelernt, wie er überhaupt nur minimale schulische Ausbildung genossen hatte. Der 1928 geborene Sohn einer New Yorker Mittelstandsfamilie war ein unterdurchschnittlicher Schüler, der nach dem High-School-Abschluss 1945 nie wieder eine Schule besuchen sollte. Eine Leidenschaft aber, die er schon als Jugendlicher entwickelte, sollte prägend für seine spätere Karriere werden: die Fotografie.
Über die Fotografie – er arbeitete einige Jahre für das Magazin Look – kam Kubrick zum Film. Geleitet von der Überzeugung, dass ein selbst produzierter Film kaum schlechter ausfallen konnte als mancher Streifen, den er in einem der vielen New Yorker Kinos sah, drehte er – praktisch ohne Crew und mit minimalem Budget – 1953 den Kriegsfilm Fear and Desire. Der Film war ein Flop und Kubrick damit so unzufrieden, dass er später sämtliche Kopien aus dem Verkehr zog, er erwies aber als gutes Lehrstück. Auch Killer?s Kiss, zwei Jahre später entstanden, ist trotz einzelner herausragender Sequenzen ein Film mit deutlichen Schwächen. Kubrick aber war zu diesem Zeitpunkt längst dem Medium Film verfallen.
Die offizielle Kubrick-Zeitrechnung beginnt 1956 mit dem Film noir The Killing, einem Werk von bereits beeindruckender Geschlossenheit und formaler Brillanz: Sei es das souveräne Jonglieren mit den Zeitebenen, die superbe Schwarzweissfotografie oder das Spiel mit den Genrekonventionen – hier ist kein suchender Anfänger mehr am Werk, sondern ein schon fast beängstigend souveräner Meister.
Kubrick hatte sich das Filmemachen selber beigebracht, und so erstaunt es nicht, dass er Mühe hatte, innerhalb einer herkömmlichen Hollywood-Produktion zu funktionieren. 1959 musste er notfallmässig als Regisseur für Spartacus einspringen. Zwei Jahre zuvor hatte er mit Kirk Douglas, dem Hauptdarsteller und Produzenten dieses Sandalen-Epos, Paths of Glory gedreht. Der Film, der in der Schweiz bis 1970 verboten war, bedeutete für den Regisseur den internationalen Durchbruch und führte dazu, dass Kubrick als Ersatz für Anthony Mann engagiert wurde, den Douglas nach wenigen Drehtagen gefeuert hatte. Die Megaproduktion Spartacus sollte für Kubrick zu einer höchst unerfreulichen Episode werden. Für einmal war er nur ein Rädchen in einer grossen Maschinerie; eine Erfahrung, die er künftig um jeden Preis vermeiden wollte.
Von nun an fungierte Kubrick immer als sein eigener Produzent, und sein nächster Film Lolita ermöglichte es ihm, sich endgültig als eine Art Independent-Filmer avant la lettre zu etablieren. Um in Ruhe drehen zu können und weil ein grosser Teil der Geldgeber aus England kam, zog er nach Grossbritannien, wo er fortan leben sollte – fernab von Hollywood. Der finanzielle Erfolg von Lolita dürfte zwar primär der skandalumwitterten Vorlage geschuldet gewesen sein, er stärkte Kubricks Position aber zusätzlich.
Es folgten in weniger als zehn Jahren mit Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (1964), 2001: A Space Odyssey (1968) und A Clockwork Orange (1971) drei Meilensteine der Filmgeschichte, die Kubricks Ruf als filmisches Genie zementierten. Filme von einmaliger formaler Perfektion, die durch ihren unbedingten Stilwillen und ihre gnadenlose Analyse menschlicher Unzulänglichkeiten beeindrucken, die kraft ihrer Schönheit aber auch zutiefst anrühren und bewegen. Nach diesem Dreierschlag war Kubrick definitiv kein «normaler» Regisseur mehr; daran konnte auch die Tatsache nichts mehr ändern, dass Barry Lyndon – wahrscheinlich sein radikalster und schönster Film überhaupt, auf jeden Fall der am meisten unterschätzte – an der Kinokasse unterhalb der Erwartungen blieb. Einmal mehr erzählt Kubrick darin mit unbarmherziger Konsequenz vom Scheitern menschlicher Pläne, von Niedertracht und Grausamkeit, aber er tut dies in einer visuellen und musikalischen Vollendung, die in der Geschichte des Kinos ihresgleichen sucht.
1997, er steckte mitten in den Dreharbeiten zu Eyes Wide Shut, wurde Kubrick mit dem D. W. Griffith Lifetime Achievement Award der Directors Guild of America ausgezeichnet. Den Preis nahm er nicht persönlich entgegen, stattdessen liess er der Vereinigung eine Videobotschaft zukommen, in der er seinen Regie-Kollegen eine kleine Lektion in Filmgeschichte erteilte: Obwohl D.W. Griffith das moderne Kino praktisch erfunden habe, sei er einsam und verarmt gestorben. Denn Griffith sei immer bereit gewesen, zu hoch zu fliegen; doch wie bei Ikarus hätten auch seine Flügel nur aus Wachs und Federn bestanden und seien geschmolzen, als er der Sonne zu nahe kam. Kubrick beendete seinen unerwarteten Exkurs in die griechische Mythologie, indem er sein eigenes Credo als rhetorische Frage formulierte: «Ich war nie sicher, ob die Moral des Ikarus-Mythos tatsächlich ‹Fliege nicht zu hoch› lautet, oder ob man sie auch anders verstehen kann: ‹Vergiss den Wachs und die Federn und baue bessere Flügel›.»
Simon Spiegel

 
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