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ISABELLE HUPPERT
 

FRAGIL UND FURIOS: L'ACTRICE INTELLECTUELLE

Seit über vier Jahrzehnten ist sie auf Leinwänden präsent und eine der höchstdekorierten Schauspielerinnen ihrer Generation. Isabelle Huppert hat bis heute in annähernd 100 Filmen mitgewirkt. Dabei liest sich die Liste der Regisseure, mit denen sie zusammen gearbeitet hat, gleich einem Who’s who des zeitgenössischen Autorenkinos. Für Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, André Téchiné, Claude Goretta, Michael Haneke, Werner Schroeter und viele mehr verkörperte sie mit Vorliebe gebrochene Figuren. Ob Hure, alternde Jungfer, klassenkämpferische Postbeamtin, Ehebrecherin oder Engelmacherin – ihre besten Rollen sind häufig eine Tour de Force in die Abgründe der menschlichen Seele. Nicht nur deswegen wird sie in Frankreich als «l’actrice intellectuelle» gefeiert. Das Stadtkino Basel widmet der Ausnahmeschauspielerin eine Hommage mit 15 Filmen und zeigt damit einen kleinen Ausschnitt aus ihrem grossen Repertoire sozialer Querschlägerinnen.

 

«Ich habe eigentlich nie das Gefühl, einen Charakter zu spielen. Ich spiele bestimmte Verfasstheiten. Emotionale Zustände. Gefühle. Die Konturen des Charakters bleiben dabei im Vagen. Es ist ein wenig wie der Unterschied zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei. Ein traditionell gestalteter Charakter ist wie gegenständliche Malerei: Man muss das Zimmer malen, man muss die Vorhänge malen und so weiter. Ich begreife das Schauspielen lieber als abstrakte Malerei. Als Leinwand, auf die ich etwas werfen kann. Eine Farbe, einen Rhythmus, Musik. Eine Vision meiner selbst.» (Isabelle Huppert im Gespräch über Ma Mère).
Isabelle Anne Madeleine Huppert wird 1953 (manchen Quellen zufolge 1955) als jüngstes Kind einer Englischlehrerin und eines Ingenieurs in Paris geboren. Sie ist das Nesthäkchen, das sich im Kreis von drei Schwestern und einem Bruder durchzusetzen hat. Ein Training in Stärke von Kindesbeinen an und ein Merkmal, das später ihre Charaktere auszeichnen wird, die schliesslich zugleich bestimmt sind von ihrer Physiognomie. Die Schauspielerin Isabelle Huppert ist wenig mehr als 1,50 m gross, sie ist zierlich und schmal und leicht. Sie wirkt mit ihrer pergamenten durchscheinenden Haut, ihren Hunderten von Sommersprossen und dem rötlichen Haar wie eine Elfe oder ein Naturgeist. Flüchtig, verletzlich, schutzbedürftig. Doch das ist eine Täuschung, der man nicht erliegen sollte. Wer glaubt, man könne ihr, nur weil sie klein und fein wirkt, die Butter vom Brot nehmen, der hat sich geschnitten! Ihre ätherische Erscheinung steht im Kontrast zu ihrer Willensstärke, bildet einen Widerspruch zu ihrer Tüchtigkeit und Autonomie. Hupperts Charaktere können knallhart sein, gnadenlos, eiskalt. Sie ist die Schöne und das Biest in einer Gestalt, kraftvoll und zerbrechlich zugleich. In Figuren wie den alleinstehenden Landwirtinnen in Un barrage contre le Pacifique (Rithy Panh, 2008) und White Material (Claire Denis, 2009), die sich in kulturell fremder Umgebung an ihrer Arbeit regelrecht festkrallen, wird diese spannungsreiche Gleichzeitigkeit sichtbar.
Mit der Schauspielerei beginnt Huppert, von der Mutter ermutigt, früh. Sie studiert in Versailles und Paris, schliesst ihre Ausbildung am dortigen Conservatoire d’Art Dramatique ab. Sie spielt Theater, übernimmt kleine Rollen in Filmen, erregt Aufmerksamkeit. Doppelschlag und Durchbruch erfolgen 1978: Für ihre Hauptrolle in La dentellière (1977, Claude Goretta) erhält sie den renommierten britischen BAFTA als vielversprechendste Newcomerin. Und beim Filmfestival in Cannes wird sie für die Darstellung der Titelfigur der Elternmörderin in Claude Chabrols Violette Nozière (1978) als Beste Schauspielerin ausgezeichnet. Mit Chabrol wird Huppert bis zu dessen Tod eine fruchtbare Arbeitsbeziehung verbinden: Sie spielt die Engelmacherin Marie Latour in Une affaire de femmes (1988), die sich während des zweiten Weltkriegs im besetzten Frankreich von der hilfsbereiten Nachbarin zur skrupellosen Geschäftemacherin entwickelt. Sie spielt die manisch-mörderische Postbeamtin Jeanne in La cérémonie (1996), die gemeinsam mit ihrer Freundin, der Hausangestellten und Analphabetin Sophie (Sandrine Bonnaire), einer grossbürgerlichen Familie wie aus einer Laune heraus den Garaus macht. In dieser Rolle – für die Huppert einen César erhält, für den wiederum sie bislang 13 Mal nominiert war - wirkt sie, als stünde sie unter Strom. Sie hüpft und hampelt, ist in permanenter Bewegung und eben nicht nur physisch kaum zu bändigen. Bruchlos und unmittelbar setzt sie Gedanken und Gefühle in (böse) Taten um, ohne Rücksicht und von schierem Mutwillen getrieben. Ein Kobold. In Chabrols Madame Bovary (1991) spielt Huppert die berühmte verschwärmte Ehebrecherin, in Rien ne va plus (1997) eine so gerissene wie verräterische Trickbetrügerin, in Merci pour le chocolat (2000) eine nur scheinbar perfekte Schokoladenfabrikantin und in L’ivresse du pouvoir eine Staatsanwältin, die der korrupten Männerwelt einheizt. Es sind allesamt Rollen, die vor allem die tödlichen, gefährlichen, neurotischen, gewaltbereiten und gnadenlosen Züge von Hupperts Leinwandpersona betonen, die sich sodann äusserst effektiv mit Chabrols sarkastischer Demontage des französischen Grossbürgertums verbinden lassen.
Die Kritik beschreibt Isabelle Hupperts Frauenfiguren gerne als „rätselhaft“, „emotional distanziert“ und „gefühlskalt“. Da mag was dran sein. Die Figuren der Huppert sind so wenig leicht zu verstehen, wie ihre schauspielerische Technik leicht zu erfassen, geschweige denn zu beschreiben ist. Die Schauspielerin, ihre Technik und die von ihr geschaffenen Figuren sind gleichermassen kompliziert und komplex. Frauen jenseits der Klischeebilder, die das Kino sich von ihnen macht. Und die dabei doch immer ein klein wenig fern der Realität bleiben, leicht verschoben und schräg zum Wirklichen liegen, Chiffren, Hieroglyphen, Zeichen sind. Ätherisch-enigmatisch einerseits, klare und deutliche Ansage andererseits.
Was in diesem Zusammenhang besonders irritiert, weil es Ein- und Zuordnungen zusätzlich erschwert, ist die Unverkrampftheit, mit der die Huppert weibliches Begehren und sexuelle Selbstbestimmung zum Thema ihrer Figuren macht. Egal, ob Isabelle Huppert eine sexuelle Abenteurerin in Maurice Pialats Nouvelle Vague-Drama Loulou (1980) spielt, eine Hure in Jean-Luc Godards technikkritischem Essay Sauve qui peut (la vie) (1980) oder eine sich verweigernde Verführerin in Joseph Loseys unterkühlter Beziehungsstudie La truite (1982) – egal, ob sie die grosse Liebende in Werner Schroeters Literaturverfilmung Malina (1991) gibt oder eine verknöcherte Jungfer in François Ozons amüsantem Diven-Stelldichein 8 femmes (2002) – immer gestaltet sie in ihren Figuren auch die Sehnsucht nach dem Erkanntwerden, den Schmerz des Scheiterns, die inhärente Drohung, die die Sinnlichkeit der Frau für den von ihr begehrten Mann darstellt. Und wohl nirgends stellt sie das Verhängnis dieses (selbst-)zerstörerischen, im Geschlechterkrieg wurzelnden Beziehungsgefüges mit derartiger Klarheit und vergleichbar schonungslos dar wie in den Rollen der Pomme in La dentellière und der Erika Kohut in Die Klavierspielerin (Michael Haneke, 2001, für die sie in Cannes zum zweiten Mal als Beste Schauspielerin ausgezeichnet wird). Ein knappes Vierteljahrhundert liegt zwischen diesen beiden Figuren und doch zeigen sie das Herz der Huppert’schen Leinwandpersona: Sie zeigen eine besondere, nicht leicht zu begreifende Frau, die sich unter Mühen nur und mit grosser Vorsicht zur Kontaktaufnahme mit einem Mann (mit der Welt) durchringt. Sie zeigen, wie ihre ausgestreckte Hand mit einer Geste verständnisloser Grobheit weggeschlagen wird. Sie zeigen, dass diese Grobheit aus der gedanklichen und emotionalen Faulheit eines allzu selbstgewissen männlichen Prinzips erwächst. Und die besondere, nicht leicht zu begreifende Frau bleibt allein und verzweifelt; gegenseitiges Erkennen, Zusammensein ist nicht möglich. Aus ihren Augen schaut die Einsamkeit ihres Geschlechts. Sie wendet ihren Blick nicht ab. Und hält den unseren fest.
Alexandra Seitz

 
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