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August
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MARCELLO MASTROIANNI
 

Frauen und Männer liebten ihn gleichermassen, viele seiner Filme bleiben unvergessen. Marcello Mastroianni (1923–1996) hat in rund 150 Filmen ein halbes Jahrhundert europäischer Filmgeschichte geprägt. Als Partner von Sophia Loren, Anouk Aimée, Claudia Cardinale oder Monica Vitti war er der bedeutendste Schauspieler des italienischen Kinos – und ein Weltstar, obwohl er kaum je ausserhalb Europas drehte. Das Stadtkino Basel zeigt einige der schönsten Filme aus dem riesigen Gesamtwerk von Mastroianni.

 

Marcello, Liebling der Frauen: Der Diva (Anita Ekberg) folgt er mit der bewundernden Anhänglichkeit eines Kindes, bereit, mitten in der Nacht in Rom ein Glas Milch aufzutreiben, weil die Schöne gerade von einem dahergelaufenen Kätzchen entzückt ist. Auch den Launen seiner Geliebten (Anouk Aimée) gehorcht Marcello folgsam. Und da sind noch so viele andere Frauen, die von ihm angeschaut, bewundert und begehrt werden wollen. Seinen Selbstekel und Überdruss bekommt dafür jene Verlobte zu spüren, die sich an ihrem Freund festklammern möchte, als wäre sie seine Mama.
So geschieht es in La dolce vita (1959), Fellinis filmischem Fresko über den Klatschreporter, der verloren durch die dekadente Römer High Society taumelt.
Fellini benannte sein Alter Ego im Film nach seinem Hauptdarsteller. Damit verschmolz die Figur mit dem Schauspieler und prägte fortan Mastroiannis Bild als Mann. Sie brachte Mastroianni Weltruhm und begründete seine lebenslange Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem Regisseur. Die Frage bleibt: Ist es nicht erstaunlich, dass ausgerechnet dieser passive, willensschwache Charakter Mastroianni den Ruf eines draufgängerischen Frauenheldes eintrug? Denn Fellinis Marcello ist ja mehr ein Verführter als ein Verführer. Unentschieden driftet der Partygänger von Frau zu Frau, ohne sich je ganz einzulassen. Bei aller Verzückung bleibt er unzugänglich, in seine melancholische Trägheit mischt sich unübersehbar Desinteresse. Der Filmhistoriker David Thomson sah es am besten: «In Mastroiannis Augen spiegeln sich Melancholie und postkoitale Ernüchterung». Und trotzdem muss man sogar Schwerenöter aus La dolce vita lieben. Denn da ist Mastroiannis Sanftmut, seine unvergleichliche, wehmütige Zärtlichkeit.
Das Image des Draufgängers empfand Mastroianni selber als Missverständnis, und es war ihm lästig. Er hat es, mit viel Selbstironie, immer wieder hintertrieben: «Sogar in den Filmen von Fellini spiele ich keinen Macho, es sind erotische Träume eines Kindes», sagte er etwa, oder: «Ich kann mich als Mann einfach nicht ernst nehmen. Ich sehe mich immer ironisch.» Vielleicht spielte MM nach La dolce vita deswegen immer wieder Hauptrollen, die das Klischee des Latin Lovers unterlaufen, persiflieren oder ins Gegenteil verkehren. So in Mauro Bologninis Il bel Antonio (1960), der Tragikomödie eines angeblichen Frauenhelden, der unter Impotenz leidet. Oder in Pietro Germis satirischer Sozialkomödie Divorzio all’ italiana (1961), wo MM einen eitlen, hinterhältigen Nichtsnutz gibt, der sich mit einem sogenannten Ehrenmord von seiner Gattin befreit. Für diese Rolle erhielt Mastroianni seine erste Oscar-Nomination. Sich selbst bezeichnete er als schwachen Menschen ohne wirkliche Interessen. «Ich lebe viel zu sehr in den Tag, für den Augenblick.» Und: «Ich kann meine Indifferenz und Willensschwäche nur überwinden durch das Spiel der Liebe.» Schlecht zu diesem Bild passt die immense Arbeitsleistung des Schauspielers: MM hat in 47 Jahren in rund 150 Filmen mitgespielt und galt als einer der meistbeschäftigten Schauspieler seiner Zeit. Tatsächlich lebte er nur in der Arbeit richtig, wie er einmal sagte.
Der Sohn von Ida und Ottorino Mastrojanni, eines Kunstschreiners aus Fontana Liri, begann seine Karriere auf einer Amateurbühne; eine Schauspielschule hatte Mastroianni nie besucht. 1948 entdeckte ihn Luchino Visconti. In der Theatertruppe seines wichtigsten Lehrers spielte MM in «Tod eines Handlungsreisenden» oder in «Endstation Sehnsucht» mit; Visconti gab MM, in Le notti bianche (1957), auch seine erste wichtige Filmrolle. Vor dem internationalen Durchbruch mit La dolce vita (1959) hatte Mastroianni schon in über dreissig Filmen mitgewirkt, auch in vielen Nebenrollen wie etwa in der wunderbaren Gaunerkomödie I soliti ignoti (1958) von Mario Monicelli. In den Fünfzigerjahren spielte der Schauspieler, auch als Komödiant herausragend, mit Vorliebe Gutmütige, Tagträumer und Taugenichtse.
Zu seinen wichtigsten Leinwandpartnerinnen gehörte Sophia Loren: An der Seite des volkstümlichen, sanguinischen Stars kamen die Nuancen in Mastroiannis Spiel besonders gut zur Geltung. Die Beziehung des Traumpaars begann mit der Liebeskomödie Peccata che sia una canaglia von Alessandro Blasetti (1955), erreichte einen Höhepunkt in Ettore Scolas leisem Kammerstück Una giornata particolare (1977) und endete mit dem selbstironischen Auftritt in Robert Altmans Satire Prêt-à-Porter (1994).
Mastroiannis berühmteste Rollen stammen aus der goldenen Ära des italienischen Kinos in den Sechzigerjahren. Öfters spielte er nun auch Intellektuelle und Künstler in Lebenskrisen: In Otto e mezzo (1963) natürlich, wieder als Alter Ego Fellinis, oder in Michelangelo Antonionis La notte (1961) als Autor und als zermürbter Ehemann von Jeanne Moreau. In seinen spröden Alterswerken nahm er diesen Rollentyp wieder auf, etwa bei Theo Angelopoulos, wo MM einsame und schweigsame alte Männer wie den Bienenzüchter in Der Bienenzüchter (1986) gab. Seine liebsten Regisseure blieben ihm aber Federico Fellini und Ettore Scola. Dieser inszenierte mit Che ora è (1989) eine von Mastroiannis schönen Vaterrollen.
Mastroiani war von der katholischen Kultur seines Landes tief geprägt. Gleichzeitig wirkte er immer sehr zeitgemäss: Die Krisen und Neurosen des modernen Mannes verkörperte er wie nur wenige Schauspieler seiner Generation. Dabei blieb er immer ganz bei sich. Es ist seine Persönlichkeit, seine Skepsis und Selbstironie, die ihn so alterslos macht.
Für den Mann in der Krise fand Fellini eine wunderbare Metapher: die Kur. Dorthin nämlich zieht sich der ausgelaugte Filmemacher in Otto e mezzo zurück. Doch statt Inspiration in der Ruhe zu finden, wird er von Erinnerungen, Obsessionen und Alpträumen heimgesucht.
24 Jahre nach Otto e mezzo geht Marcello Mastroianni erneut zur Kur, diesmal aus unkomplizierten Gründen: In Oci ciornie (1987) des Russen Nikita Mikhalkov flieht er vor dem Zorn seiner Frau, die die Eskapaden ihres lebensuntüchtigen Gatten satt hat. In der Kur verliebt sich der Lebemann wider jedes Erwarten in eine Russin. Und versagt kläglich: Der Mann ist viel zu ängstlich und viel zu bequem, um jemals sein Leben zu verändern. Keiner scheitert schöner als Marcello Mastroianni, dem Mann, dem alles gelang.
Kathrin Halter

 
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